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Unerträglich langsam zog sich die Zeit in dem dreckigen Bahnwagong, dessen blau gesprenkelten Sitze Reisenden die Möglichkeit gab einmal zur Ruhe zu kommen und durch die verstaubten Fenster das graue Gesicht der Städte zu bestaunen. Von London nach Düsseldorf, von Düsseldorf nach Dortmund und dazwischen lagen tausende Kilometer, hunderte Städte, viele Geschichten, die mit dem lauten rattern des Zuges an Sophia vorbeizogen.
Seufzend schloss sie die Augen und legte den Kopf in den Nacken. Der Flug war nicht lang gewesen, aber in den Trombosesitzen des Flugzeuges neben einer unaufhörlich redenden bayrischen Dame zu sitzen war zum Haare raufen gewesen. Nie hatte sie sich so sehr über die Stimme des Piloten gefreut wenn jene metallisch knarrend aus dem Lautsprecher berichtet, dass es in den Landeanflug nach Düsseldorf ging und die Gurte angelegt werden müssen.
Jetzt saß sie im Bummelzug nach Dortmund, den Trolley immer im Griff während Düsseldorf vorbei zog. Eine Gruppe Jugendlicher aus dessen Handys penetrant laut Musik klang machte es ihr nicht leicht sich ihren eigenen Gedanken hinzugeben. Jene welche sich schon seit Wochen um ihre kleine Schwester drehten. Nina war ihr Name, doch sie nannte sie stets Nini oder Kurze obwohl sie um einige Zentimeter größer war als sie selbst. Sie erinnerte sich an Momente die sie beide geteilt hatten. Den jährlichen Familienurlaub am Strand, die vielen Weihnachtsfeste als ihre Eltern noch zusammen waren und die ganze Welt noch in Ordnung schien. Sie erinnerte sich an Nini wie sie weinte als ihr Vater seine Koffer packte und auszog. Ihr selbst war es beinah unmöglich die Tränen zu verbergen. Sie brannten in ihren Augen, doch als große Schwester hatte man Pflichten. Man musste stark sein, wenn die Kleinere schwach war.
Die Streitigkeiten damals zwischen Mutter und Vater hatten ihr die Vorstellung einer heilen und harmonischen Ehe genommen, vielleicht war es auch ihre Arbeit als Streetworker in London wo sie es immer wieder mit Jugendlichen aus kaputten Familien zu tun hatte. Nur Nini träumte noch von ihrer Traumhochzeit in Weiß, die allem Anschein nach dieses Wochenende stattfinden würde.
Die Einladung hatte sie mit gemischten Gefühlen in den Händen gehalten. Sie freute sich,dass ihre kleine Schweter jemanden gefunden hatte mit dem sie diesen Schritt wagen wollte und dennoch wusste sie nicht was sie von all dem halten sollte. Sie hatte ihren Freund nie kennen gelernt. Nie war ihr die Zeit dazu geblieben. Nicht mal an Weihnachten war sie zurück nach Hause gefahren, zurück nach Deutschland. Sie hatte angerufen, allen frohe Weihnachten gewünscht und dann den Heilig Abend mit Kater Alfonso verbracht, der sich stets träge auf dem altgrünen Ohrensessel flätzte. Anhand der Erinnerung von unzähligen, zerknickten Postern aus Jugendzeitschriften, die Nina immer auf ihrer Seite des Zimmers angebracht hatte versuchte Sophia einen Mann zu rekonstruieren, dem ihre doch sonst so wählerische Schwester das Ja-wort geben würde. Erschreckender weise war das, was sie vor ihrem inneren Auge sah, ein schlechter Abklatsch von Dieter Bohlen aus den 80ger nur mit noch mehr Vokuhila.
Inständig hoffte sie der Geschmack in Sachen Männer habe sich bei ihrer Schwester im laufe der Jahre geändert.


Die Sonne brannte unerträglich heiß auf den grauen Asphalt der den Weg teils nur löchrig und uneben bedeckte.
Es war ein schmaler Weg der zwischen kleinen Häusern zu einem Marktplatz führte auf dem an diesem Sommertag reges Treiben herrschte.
Benjamin stand vom Rummel unbekümmert dicht vor den verstaubten Schaufenstern, die das Objekt seiner Begierde beherbergten. Es stach ihm schwarz und grün direkt in die Augen.
Der Alurahmen war elegant, sportlich und doch zierlich zu gleich. Kettenschaltung, 21 Gänge, 7005 Aluminium. Das Rockville war nicht nur ein einfaches Mountenbike, es war über Monate sein einziges Ziel gewesen. Die alleinige Motivation jeden zweiten Samstag den Garten von Frau Anröchter zu mähen, seiner Großmutter beim Einkauf zu helfen und jeden Cent aufzuheben den er zwischen den groben Plastersteinen und klebrigen Kaugummies auf der Straße fand um ihn dann in seine Sparrbox zu stecken. Darauf wartend, mit voller Ungeduld, dass der Tag kommen wird an dem er in Günthers Fahrradladen gehen würde um das Rockville sein eigen nennen zu dürfen. Seine blauen Augen strahlten bei der Vorstellung wie er ganz alleine mit diesem Fahrrad morgens zur Schule kommen würde. Aslan und Sergej würden vor Neid und Staunen platzen wenn sie ihn sehen würden, wie er sich lässig durch die parkenden Autos der Lehrer schlängelte. Er konnte die Steine der Allee bereits unter dem heißen Gummie fühlen, wenn er auf die Stadthalle zuhielt, rechtzeitig eine Kurve bog und lässig vom Sattel stieg.
„Wie viel fehlt dir noch Kleiner?“ Aus seinen Gedanken gerissen sah Benjamin zu der Eingangstür, die fast völlig verdeckt hinter Günther lag, dessen Hände tief in den Taschen seiner blauen Latzhose ruhten. „Noch zwanzig Euro und zweiundfünfzig Cent.“
Zwanzig Euro waren für einen Elfjährigen zwei ganze Monate Taschengeld oder sechseinhalb mal rasenmähen. Vielleicht auch mehr. Frau Anröchter neigte ab und an dazu ihn mit Bonbons zu bezahlen anstatt mit den erwünschten Münzen.
Günther verzog seinen Mund zu einer gewichtigen Grimasse. „Zwanzisch Ökken also?“ Sein Blick glitt zum Fahrrad in dem Schaufenster. „Isch mach dir ‘n Angebot. Wenn de bis zum Ende der Woche nomma wieder kommst und es mit nimmst, dann erlass isch dir zehn Euro und zweiundfünfzisch Cent vom Kaufpreis und ein neuen Fahrradhelm ‘kommst du noch oben drauf.“
Benjamins Augen begannen zu leuchten. Glucksend sah Günther die Freude in seinen kindlichen Gesichtszügen. Er mochte den Kleinen, weil er so hartnäckig und ausdauernd war.
Jeden Tag um kurz vor Zwei stand er vor seinem Laden und drückte sich die Nase am Schaufenster platt. „Wirklich? Das wäre super!“ dann stutze er und die Freude erlosch in seinen Augen. „Aber die Woche ist ja bereits übermorgen zuende.“ Zehn Euro weniger waren eine Menge Rabatt, aber woher so schnell den Rest bekommen? Die Großmutter war erst gestern im Supermarkt gewesen, der Rasen war auch bereits gemäht. „Isch bin mir sicher Kleiner, dass dir da noch wat einfällt.“


Ungeduldiges Scharren schnitt durch die andauernde Stille des sterielen Raumes.
Hinter den geschlossenen Fenstern zwitscherten Vögel, lachten Kinder, bellten Hunde.
Zwitschern, lachen, bellen. Geräusche die nur dumpf durch die dicken Scheiben an sein Ohr drangen während er erneut gelangweilt auf die schlichte, blaue Wanduhr schaute.
Was sollte er hier? Die Untersuchung seiner Lymphdrüsen hatte doch nur positives ergeben. Alles war spitze gewesen und doch saß er hier und wartete obwohl er noch so viel zu erledigen hatte. Seine Zeit war knapp.
Seine Blicke schweiften ab zu den Kullies und Zetteln, den Büroklammern und Terminplanern.
Alles hatte seine Ordnung und Sauberkeit, nur auf den Büchern im obersten Regal konnte man eine dünne Staubschicht aus machen.
Die Tür ging fast unbemerkt auf, so leise waren Schloss und Schanier. Er bemerkte den Arzt erst, als er sein Blickfeld kreuzte und ihm die Hand reichte.
„Guten Tag Herr Lange, ich freue mich, dass sie so kurzfristig Zeit gefunden haben.“
Sein Griff war fest, männlich, doch die Haut war feucht vom Schweiß der Sommershitze.
Gemeinschaftspraxis Allgemeinmedizin Dr. Wolf Zimmermann und Dr. Jochen Strobel.
Vor rund 15 Jahren hatten die beiden Studienfreunde ihr gesamtes Ersparrtes zusammen gekratzt, einen Kredit aufgenommen und sich von ihren Arbeitsplätzen im Krankenhaus verabschiedet um in der Essener Innenstadt ihrem Traum Ausdruck zu verleien.
„Es klang am Telefon fast ernst, also dachte ich mir ich schau mal lieber vorbei,“ lächelte er gezwungen und ließ sich zurück in seinen Stuhl fallen von dem er sich der Höflichkeits halber kurz erhoben hatte als Herr Zimmermann vor ihm stand.
Jener nahm Platz hinter seinem Schreibtisch und sah auf einmal ernst und gewichtig aus, obwohl er eben noch mit seinem Bärtchen an eine Ralf Zacherln Parodie erinnert hatte.
Ernst griff er zu den Unterlagen auf dem in geschwungener, roter Schrift sein Name prangte.
Herr André Lange. Der Arzt rückte sich die Brille zurecht, überblickte kurz das Papier und atmete hörbar tief ein. „Nun ja Herr Lange, leider muss ich ihnen mitteilen, dass wir sie wirklich wegen etwas sehr ernstem hier her konsoltiert haben. Wissen sie bei dem letzten großen Blutbild welches wir vor einer Woche auf Grund ihrer geschwollenen Lymphdrüsen gemacht haben, hatt das Labor bestätigt, dass sie sich mit dem HIV-Virus infiziert haben. Ich möchte ihnen sagen, dass die Diagnose HIV auf Grund guter medikamentöser Behandlungen kein Todesurteil mehr für den Erkrankten bedeutet.“ Da war dieser Schlag in den Magen der einem die Luft zum atmen nahm.
Das krampfhafte Zusammenziehen des Herzens, welches kurz gänzlich zu schlagen aufhörte nur um Sekunden darauf mit doppelter Geschwindigkeit weiter zupumpte.
Übelkeit drang flau in seinen Magen, drohte ihm die Speiseröhre hinauf zuklettern.
Er konnte den Geschmack des Erbrochenen schon fast schmecken. HIV, wieso HIV?
„Meine Frage an sie Herr Lange wäre nun zum einen ob sie wissen bei wem sie sich infiziert haben könnten? Leben sie derzeit in einer festen Partnerschaft?“
Bilder unzähliger Frauen rasten an ihm vorbei. Brünett, blond, mit langen Beinen und großem Busen. Mal blickten ihn wunderschöne blaue dann grüne Augen an. Wer war es? Wer war sein Fehler gewesen? Er hatte doch immer verhütet. Immer hatte er ein Kondom in der - Die Mauer fiel, die Erkenntnis traf ihn. Diese eine verdammte Nacht in dem Club. Der kurze, wilde, anonyme Sex auf der Toilette. War er so betrunken gewesen? So unzurechnungsfähig, unverantwortlich durch den Rausch von Alkohol und Kokain. Wie konnte er so dumm sein.
„Herr Lange? Möchten sie sich hinlegen?“ Jegliche Farbe wich aus Andrés Gesicht, die Lippen wurden trocken, die Handflächen feucht bevor er sich unter Krämpfen vor dem Schreibtisch übergab.

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Die Abendteuer des Jimmy Bonselbär ©

Kapitel 1: Der Better und der Junge

Wie Liebespaare in der Hochzeitsnacht tänzelten Schneekristalle zum Walzer des eisigen Sturmes am Fenster entlang. Flogen getrieben vom fröstelnden Nordwind auf und nieder bis sie sich zu all den anderen legten, die in ihrer Vielzahl das Land bedeckten. Autos, Straßen, ganze Häuser ruhten unter der weißen Decke. In den Städten wurde das Grau zu reinem Weiß, welches glimmend, glitzernd den Mondschein reflektierte.
Inmitten dieser einsamen Welt aus Eis und Schnee saß ein Mann am Rand des großen Stadtparks unter einer der vielen Straßenlaternen und zog sich seine von Motten zerfressene Decke enger an den dickleibigen Körper. Sein Haupt bedeckte eine befleckte, alte Cappe auf dem kaum mehr lesbar ein bunter Werbeslogan stand. Abend für Abend fror der Mann unter seiner Laterne, darauf hoffend ein paar kleine Münzen, aus Silber und Bronze, mögen in den aufgeweichten Pappbecher fallen, der vor seinen Füßen im Schnee stand.
Sein Atem ging in dichten Rauchschwaden in die Luft als er sich das Schauspiel betrachtete von zwei turtelnden Menschen, die mit prall gefüllten Einkaufstüten an ihm vorbei zogen.
„Ein paar Cent für einen frierenden, alten Mann?“ ertönte seine dunkle Stimme durch die Stille.
Weder Frau noch Mann achteten auf die flehende Geste seiner Hand und liefen weiter ohne auch nur einen Blick zurück zu werfen. Niemand interessierte sich für einen armen Bettler am Rande der Straßen. Nicht einmal zur Weihnachtszeit, nennt man es auch die Zeit der Besinnung und Liebe. Doch Liebe gab ihm niemand. Liebe kam nicht aus der schwarzen Tinte der Zeitungen die ihn in der Nacht wärmten und trocken hielten. Liebe gaben Familien und Freunde, doch beides hatte er vor langer Zeit verloren. Kein Mensch der in einem wohl geheizten Raum auf seine Rückkehr wartete. Kein Kind, kein Sohn, keine Tochter die ihm stolz die selbstgebastelten Weihnachtsgeschenke präsentierten. All das war lange fort und an Rückkehr war nicht zu denken. Weitere Menschen, eingehüllt in dicke Wollmäntel, schriiten an ihm vorbei und nur selten viel eine Münze klimpernd, klappernd in seinen Becher. Durch reges Schneegestöber drang dunkel erklingend die alte Kirchenglocke und läutete die Nacht ein. Gedankenverloren blickten seine blassen Augen auf den hohen Kirchturm der Wind und Wetter trotze und in seinem pompösen Stolz, verziert von steinernen Dämonen und Engeln, weit hoch alle Dächer überragte. Monströs stand er fest am Marktplatz, auf dessen groben Pflastersteine man vom Park aus nur wenig Einsicht hatte. Doch was die Augen des Mannes erblickten, zwischen all den weißen Flocken, war eine zarte Silhouette hinterlegt vom orangeroten Licht der Laternen. Zögernd näherte sie sich mit kleinen Schritten, wurde immer größer und immer greifbarer. Ein Junge, im zarten Alter von vielleicht sechs Jahren stand allein vor den alten Buchen und blickte entzückt auf die weiße Welt, die diese Jahreszeit bescherte. Unschwer waren die Träume zu erkennen, die sich in seinem Innersten abspielten. Träume und Bilder von wilden Schneeballschlachten, Schneemännern die mehrere Meter hoch in den Himmel ragten und Schlittenfahrten so schnell, schneller als jedes Auto fahren konnte. Ein Kindertraum. Die klaren, hellen Augen des Jungen schweiften am Parkrand entlang und hielten erst bei der großen Straßenlaterne unter der, immer noch von der Decke umhüllt, der alte Bettler saß und ihn beobachtete. Langsamen Schrittes kam er, mit seinen viel zu kurzen Beinen, auf den Sitzenden zu und kam nur kurz vor ihm zum stehen. Prüfende Blicke musterten den Mann, als wollten sie seine Gedanken lesen.
„Bist du der Weihnachtsmann?“ kam die ernste Stimme über die bläulichen Lippen.
Als der Bettler amüsiert, laut auflachte zuckte der Junge zusammen und klammerte sich fest an einem zerzausten Teddybären, den er in den Armen hielt. Der Mann schüttelte den Kopf und widmete dem Jungen ein zahnloses Lächeln. „Nein, der bin ich nicht.“ Ein weiteres Glucksen entkam seiner Kehle. „Aber wieso hast du dann so einen langen Bart?“ skeptisch blickten die hellen Augen, als ob er nicht glaubte, dass dieser Mann wirklich nicht am Heiligabend durch Kamine schlüpfte und bunte Päckchen unter prunkvoll geschmückte Tannen legte. „Ich bin ein alter Mann, alte Männer haben lange Bärte und außerdem hält er mich schön warm,“ erwiderte der Bettler in seiner angenehm tiefen Stimme. „Wieso gehst du nicht einfach nach Hause und setzt dich vor den Kamin, dann bräuchtest du keinen Bart.“ Der angesprochene schnaubte grinsend. „Ich hab kein zuhause mit Kamin und Dach. Ich wohne hier im Park, ganz unmöbliert.“ Neugierig weiteten sich die kleinen Augen und der Teddybär wurde fester an den Leib gepresst. „Dann erlebst du bestimmt viele Abenteuer. Papa sagt immer, dass es im Stadtpark spukt wenn es dunkel wird und dass es dann ganz gefährlich dort ist. Deshalb darf ich auch nicht weiter rein, obwohl ich gerne mal einen Geist sehen würde, wie er versucht mich zu gruseln.“ Enttäuschung schwang in der zarten Jungenstimme als dessen Blicke erneut zum Park glitten. „Ja gefährlich ist es dort sehr in der Nacht, aber Geister hab ich bis jetzt noch nie gesehen. Dort lebe nur ich und ein paar Ratten.“ „Ratten? Und vor denen hast du keine angst?“„ fragte der Junge bewundernd.
Doch bevor der Bettler antworten konnte rief eine Frauenstimme vom Marktplatz her. Hell klang sie wie feine Glöckchen aus reinstem Gold. „Jonathan! Jonathan wir müssen los! Papa wartet sicher schon.“ Der Junge blickte sich rasch zu seiner Mutter um, die mit wehendem Mantel zu ihm schaute. „Du musst los Junge, deine Mutter scheint es eilig zu haben.“ Der kleine Kopf nickte, doch die Beine hielten inne. Er überlegte kurz, dann nahm er seinen Teddybären und legte ihn auf den Schoß vom alten Bettler. „Hier, Jimmy wird dich beschützen vor den Ratten und den Geistern.“ Für ein Dank war keine Zeit, Jonathan machte kehrt und lief schnell durch den Schnee der Frau entgegen die ihm seine Hand reichte. Ein letztes mal blickte er sich um und winkte zum Abschied mit der im Handschuh eingepackten Hand bevor sich seine Silhouette im Schneegestöber verlor. Lächelnd besah sich der Mann das Spielzeug auf seiner löchrigen Decke, die vom Schnee feucht an seinen Beinen klebte. „Jimmy kleiner Kerl, das ist also dein Name?“
Raue Hände griffen nach dem braunen Fell und legten ihn näher zu sich um ihn vor den nassen Flocken zu schützen.
Er wartete noch eine Weile, doch niemand mehr kam um ihm eine Münze zu schenken. Die Ausbeute war karg an diesem Tag, nicht einmal genug für eine warme Mahlzeit am Abend.
Stöhnend richtete sich der Mann auf und die brüchigen Knochen ächzten unter dem Gewicht.
Er sammelte den Besitz ein, der ihm noch geblieben war. Die durchnässte Decke, eine Plastiktüte gefüllt mit einer trockenen Kante Brot und einer halbleeren Flasche Schnaps. Nicht zu vergessen auch der Teddybär, den er mit der Decke unter dem Arm in den dunklen Park hinein trug. Sein Weg führte vorbei an dem gefrorenen Teich, auf dem im Sommer die Enten quarkten wenn Großmütterchen sie mit Brotkrümeln fütterten, an der Alee aus hoch gewachsenen Kastanienbäumen, die im Wind hin und her schwankten, bis er sich schließlich nieder lies unter einem hölzernen Pavillon, das ihm als Schlafplatz diente. Die Nacht würde kalt werden, viel zu kalt für seine rote Schnupfnase. Doch an einen wärmeren Ort konnte er nicht gehen. Es gab keinen für ihn. Er richtete sich sein Schlafplatz, legte sich nieder und zog die Decke, so nass wie sie auch war, über sich und den Bären. Der Sturm sang sein Wiegenlied und machte die Augenlider schwer. Der Bettler warf einen letzten Blick auf das weiße Getümmel als sich auch schon seine Augenlider unter all der schweren Last der Müdigkeit senkten. Selbst als die Kirchturmuhr dumpf die Mitternacht verkündete erwachte er nicht aus seinen tiefen Schlaf. Er hörte nicht das dunkle Klingen, schmeckte nicht die eisige Kälte auf seiner Zunge, roch nicht mal den Schnee der unaufhörlich aus den Wolken fiel. Und so wie er nicht mehr hörte, roch und schmeckte sah er auch nicht die zögernde Bewegung der Decke, wie sie sich vorsichtig vom Kopf des Bären zog, der aus neugierig Knopfaugen hervor lugte. Gepackt vom wundervollen Bild was sich ihm bot hüpfte er leise auf seine zehenlosen Füße und tapste, unsicher wie auf Stelzen, zum Rande des Pavillons. Diese Welt, so weiß und flauschig hatte Jimmy noch nie gesehen. Dunkle Schatten zwischen den Bäumen und Büschen zogen ihn in ihren Bann, auch die fernen Lichter der Straßenlaternen wirkten magisch auf ihn ein. Leise schlich er zurück zu dem schlafenden Bettler, an dessen Brust er bis vor kurzem noch gelehnt hatte und zog mit aller Vorsicht die Decke zurecht, damit der kalte Nordwind ihm nicht in die zerlumpten Kleider fuhr. Braune Knopfaugen besahen sich das träumende Gesicht mit den roten Wangen und dem üppigen weißen Bart ein letztes Mal, bevor der Bär von Abenteuerlust gepackt sich durch den tiefen Schnee wühlte, der ihm fast bis zum Puschelschwänzchen reichte. Nur kleine Fußspuren deuteten den Weg, den er entlang tapste. Spuren so unscheinbar und klein wie die eines streunenden Katers auf der Jagd nach Mäusen.

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